1.6 Typische Anwendungen
1.6 Typische Anwendungen von Agrardrohnen
Von der Datenerfassung zur fundierten Entscheidung
Einleitung
Der Einsatz von Agrardrohnen hat sich in den vergangenen Jahren von einem experimentellen Verfahren zu einer etablierten Technologie der modernen Landwirtschaft entwickelt. Während Drohnen anfangs vor allem zur Erstellung von Luftbildern eingesetzt wurden, übernehmen sie heute eine Vielzahl spezialisierter Aufgaben – von der Analyse des Pflanzenbestandes bis zur Erstellung hochpräziser Applikationskarten.
Der eigentliche Mehrwert entsteht dabei nicht durch den Flug selbst, sondern durch die Kombination aus moderner Sensorik, präziser Navigation und intelligenter Datenauswertung. Agrardrohnen liefern objektive Informationen über den Zustand landwirtschaftlicher Flächen und ermöglichen es, Maßnahmen gezielt und ressourcenschonend umzusetzen.
Im Folgenden werden die wichtigsten Anwendungsbereiche vorgestellt.
Bestandsanalyse
Überblick über den Pflanzenbestand
Die Bestandsanalyse gehört zu den häufigsten Anwendungen von Agrardrohnen. Ziel ist es, den Entwicklungszustand eines Pflanzenbestandes möglichst vollständig und objektiv zu erfassen.
Im Gegensatz zur klassischen Feldbegehung werden nicht nur einzelne Bereiche betrachtet, sondern die gesamte Fläche systematisch analysiert.
Erfasste Informationen
Mit geeigneter Sensorik lassen sich unter anderem folgende Merkmale bewerten:
- Pflanzendichte
- Wuchshöhe
- Entwicklungsstadium
- Blattflächenindex
- Vegetationsdichte
- Bestandslücken
- Auflaufverhalten
Eingesetzte Sensoren
Je nach Fragestellung kommen unterschiedliche Sensoren zum Einsatz:
- RGB-Kameras
- Multispektralkameras
- RTK-GNSS
- LiDAR
- Thermalkameras
Nutzen
Die Bestandsanalyse bildet die Grundlage für zahlreiche weitere Entscheidungen, beispielsweise:
- Düngung
- Pflanzenschutz
- Bewässerung
- Ertragsabschätzung
- Nachsaat
Wildrettung
Schutz von Wildtieren vor der Mahd
Während der Frühjahrsmahd besteht ein hohes Risiko, dass Rehkitze oder anderes Jungwild im hohen Gras übersehen werden. Da Jungtiere bei Gefahr häufig regungslos im Bestand verharren, können sie durch herkömmliche Sichtkontrollen nur schwer entdeckt werden.
Hier bieten Drohnen mit Wärmebildkameras eine effektive Lösung.
Arbeitsweise
Die Befliegung erfolgt in den frühen Morgenstunden, wenn der Temperaturunterschied zwischen Tierkörper und Umgebung besonders groß ist. Wärmebildkameras machen die Tiere als deutliche Wärmequellen sichtbar. Anschließend können sie vor Beginn der Mahd gesichert werden.
Vorteile
- deutlich höhere Auffindungsrate
- schnelle Flächenkontrolle
- geringerer Personalaufwand
- Beitrag zum Tierschutz
- dokumentierbare Suchflüge
Erkennung von Schädlingsbefall und Pflanzenkrankheiten
Frühzeitige Erkennung von Stresssymptomen
Viele Pflanzenkrankheiten oder Schädlingsschäden führen bereits in einem frühen Stadium zu Veränderungen der Blattstruktur oder der Photosynthese. Diese Veränderungen sind mit bloßem Auge häufig noch nicht erkennbar.
Multispektralkameras messen Reflexionen in verschiedenen Wellenlängenbereichen und ermöglichen dadurch eine frühzeitige Identifikation auffälliger Bereiche.
Beispiele
- Pilzbefall
- Blattkrankheiten
- Schädlingsfraß
- Virusinfektionen
- Trockenstress
Vorteile
- frühzeitiges Eingreifen
- gezielter Pflanzenschutz
- geringerer Chemikalieneinsatz
- Reduzierung wirtschaftlicher Schäden
Analyse der Stickstoffversorgung
Teilflächenspezifische Düngung
Stickstoff zählt zu den wichtigsten Pflanzennährstoffen. Gleichzeitig verursacht seine Herstellung hohe Energiekosten und eine Überversorgung belastet Umwelt und Gewässer.
Agrardrohnen ermöglichen eine präzisere Einschätzung des Stickstoffbedarfs einzelner Teilflächen.
Vorgehensweise
- Flug mit Multispektralkamera
- Berechnung eines Vegetationsindex (z. B. NDVI)
- Analyse der Pflanzenvitalität
- Erstellung einer Applikationskarte
- Variable Ausbringung des Düngers
Vorteile
- geringerer Düngemittelverbrauch
- höhere Nährstoffeffizienz
- reduzierte Umweltbelastung
- wirtschaftlicher Betrieb
Bewässerungsmanagement
Wasser gezielt einsetzen
Wasser wird in vielen Regionen zu einer knappen Ressource. Eine gleichmäßige Bewässerung berücksichtigt jedoch häufig nicht die unterschiedlichen Boden- und Pflanzenbedingungen innerhalb eines Feldes.
Thermalkameras und Vegetationsanalysen ermöglichen eine differenzierte Bewertung des Wasserbedarfs.
Erfasste Parameter
- Blattoberflächentemperatur
- Verdunstung
- Trockenstress
- Bodenfeuchte (indirekt)
- Temperaturunterschiede
Ergebnis
Bewässerung kann gezielt auf Bereiche mit tatsächlichem Bedarf konzentriert werden.
Photogrammetrie
Präzise Vermessung aus der Luft
Die Photogrammetrie zählt zu den wichtigsten Anwendungen professioneller Agrardrohnen.
Aus einer Vielzahl überlappender Einzelbilder entstehen:
- Orthofotos
- 3D-Modelle
- Digitale Geländemodelle (DGM)
- Digitale Oberflächenmodelle (DOM)
- Punktwolken
Einsatzgebiete
- Flächenvermessung
- Erosionsanalyse
- Drainagen
- Bewässerungssysteme
- Geländeveränderungen
- Dokumentation
Open-Source-Software wie OpenDroneMap ermöglicht die Verarbeitung dieser Daten ohne proprietäre Lizenzkosten.
Biomassebestimmung
Bewertung des Pflanzenwachstums
Die Biomasse beschreibt die Menge pflanzlicher Substanz auf einer Fläche und ist ein wichtiger Indikator für den Entwicklungszustand eines Bestandes.
Durch die Kombination aus:
- Vegetationsindizes
- Höhenmodellen
- Punktwolken
- LiDAR
- Multispektraldaten
lassen sich Biomasseunterschiede innerhalb eines Feldes erkennen.
Anwendungen
- Wachstumsanalyse
- Düngemanagement
- Ertragsprognosen
- Sortenvergleich
- Versuchswesen
Ertragsprognosen
Erträge frühzeitig abschätzen
Eine möglichst genaue Ertragsprognose erleichtert die Planung von Ernte, Lagerung und Vermarktung.
Drohnen liefern hierfür wichtige Eingangsdaten.
Berücksichtigt werden unter anderem:
- Pflanzenvitalität
- Biomasse
- Blattflächenindex
- Entwicklungsstadium
- Temperatur
- Niederschlag
- Bodeneigenschaften
Durch die Kombination historischer Daten mit aktuellen Sensormessungen entstehen belastbare Prognosemodelle.
Mit dem zunehmenden Einsatz künstlicher Intelligenz verbessert sich deren Genauigkeit kontinuierlich.
Zusammenwirken der Anwendungen
In der Praxis werden die beschriebenen Verfahren selten isoliert eingesetzt. Vielmehr ergänzen sie sich gegenseitig und bilden einen durchgängigen digitalen Arbeitsprozess:
- Flugplanung mit RTK-GNSS und Missionssoftware.
- Datenerfassung durch RGB-, Multispektral-, Thermal- oder LiDAR-Sensoren.
- Photogrammetrische Verarbeitung zu Orthofotos und Höhenmodellen.
- Analyse von Vegetationsindizes und weiteren Kennwerten.
- Erstellung von Applikationskarten für Düngung, Bewässerung oder Pflanzenschutz.
- Umsetzung durch moderne Landmaschinen mit variabler Ausbringtechnik.
- Erfolgskontrolle durch erneute Befliegungen und Vergleich mit früheren Daten.
Dieser geschlossene Informationskreislauf ist ein zentrales Merkmal der Präzisionslandwirtschaft.
Vergleich der wichtigsten Anwendungen
|
Anwendung |
Hauptsensoren |
Typischer Nutzen |
|
Bestandsanalyse |
RGB, Multispektral |
Überblick über Pflanzenentwicklung |
|
Wildrettung |
Thermalkamera |
Auffinden von Wildtieren vor der Mahd |
|
Schädlings- und Krankheitsmonitoring |
Multispektral, Thermal |
Früherkennung von Stress und Befall |
|
Stickstoffversorgung |
Multispektral |
Bedarfsgerechte Düngung |
|
Bewässerung |
Thermalkamera |
Erkennung von Trockenstress |
|
Photogrammetrie |
RGB, RTK-GNSS |
Orthofotos, 3D-Modelle und Vermessung |
|
Biomassebestimmung |
LiDAR, Multispektral |
Bewertung des Pflanzenwachstums |
|
Ertragsprognosen |
Kombination mehrerer Sensoren |
Planung von Ernte und Vermarktung |